Gespräche

Gespräche

[2020] Der Verlag »Arbeiterbewegung und Gesellschaftswissenschaft« (VAG)  wurde 1977 in Marburg gegründet. Wolfgang Abendroth (bis zu seinem Tod im September 1985), Frank Deppe, Georg Fülberth und Gerd Hardach waren die Herausgeber  der »Schriftenreihe für Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung«, in der bis in die 1990er Jahre mehr als 100 Titel publiziert wurden, darunter zahlreiche Marburger Dissertationen zum Neuaufbau und zur Geschichte der Gewerkschaften nach 1945. Geschäftsführer des Verlages war Reinhold Jäger.

Zu Beginn der 1980er Jahre entstand die Idee, die wissenschaftlichen Analysen zur Geschichte der Arbeiterbewegung durch Gespräche mit bedeutenden Repräsentanten und Vordenkern der deutschen Arbeiterbewegung zu ergänzen. Die Form des Interviews sollte  durch Diskussionsrunden mit Experten ersetzt werden, die  immer wieder nachfragten, eigene Positionen formulierten, um die Gesprächspartner dazu zu bringen, Widersprüche in Geschichte und Theorie der am Marxismus und Leninismus orientierten  Arbeiterbewegung  bewusst zu machen und deren Bearbeitung und Überwindung ins Zentrum der strategischen Reflexion zu stellen. Aus gegenwärtiger Sicht sind diese Gespräche vielleicht deshalb von besonderem Interesse, weil die drei Gesprächspartner (Wolfgang Abendroth, Jürgen Kuczynski und Joseph Schleifstein) Repräsentanten der deutschen Arbeiterbewegung gewesen sind,  deren Leben und Denken durch die Oktoberrevolution des Jahres 1917 – natürlich dann durch deren spezifische Wirkungen im Kontext der deutschen Geschichte nach 1918 – geprägt wurde. Zum Zeitpunkt der Gespräche neigt sich diese Geschichte allerdings ihrem Ende zu! Diese Gespräche sollten auch dem damals in der Linken grassierenden Verlust an historischem Wissen und Bewusstsein sowie dem zu dieser Zeit florierenden Narrativ vom »Ende der Arbeiterbewegung« beziehungsweise des »Abschieds vom Proletariat« einige Gegenargumente entgegenstellen.

Wolfgang Abendroth (1906–1985) war von 1951 bis 1972 Professor für Politikwissenschaft in Marburg. Er war der Lehrer verschiedener Generationen von Schülern, die Lothar Peter in seinem Buch »Marx an die Uni. Die Marburger Schule. Geschichte, Probleme, Akteure« (2014); englische Ausgabe: »Marx on Campus. A Short History of the Marburg School«, Leiden/Boston 2019) analysiert hat. Die Gespräche mit ihm fanden im Frühjahr 1982 statt, als die Friedensbewegung auf der Basis des sogenannten »Krefelder Appells« ihren Höhepunkt erlebte und gleichzeitig die sozialliberale Koalition unter Führung der SPD ihrem Ende entgegenging. Im Zentrum der Gespräche steht die Bedeutung der Friedensfrage a) im weltweiten Ringen zwischen Imperialismus und Sozialismus und b) zwischen den verschiedenen Kräften und Strömungen der Arbeiterbewegung im eigenen Lande.

Jürgen Kuczynski (1904–1997) gehört – als Wissenschaftler, Schriftsteller und aufgrund seines politischen Wirkens seit den späten 1920er Jahren – zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des »Zeitalters der Extreme« (Eric Hobsbawm). Er galt in der DDR als  Nestor der Gesellschaftswissenschaften. Seine Bibliographie zählt circa 4.000 Publikationen – darunter 40 Bände zur »Geschichte der Lage der Arbeiterklasse im Kapitalismus«, »Studien zur Geschichte der Gesellschaftswissenschaften« (zehn Bände) sowie  »Zur Geschichte des Alltags des deutschen Volkes« (sechs Bände). Die Gespräche mit ihm konzentrieren sich auf zum Teil kontroverse Themen, nämlich Themen der Kapitalismusanalyse sowie der Klassenanalyse und der Geschichte der Arbeiterbewegung.

Joseph Schleifstein (1915–1992) war von 1969 bis 1981 Leiter des Frankfurter Instituts für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF), Mitglied des Parteivorstandes der DKP und Professor an der Universität Leipzig. Die Gespräche sind biographisch angelegt: von der Jugend in der Weimarer Republik, Widerstand gegen den Faschismus (Verhaftung /Zuchthaus), Emigration (Tschechoslowakei und Großbritannien), Rückkehr nach 1946 in die Westzonen, Leben und Arbeiten in der DDR sowie die Rückkehr nach 1968 in die Bundesrepublik. Auf diese Weise wird die Bedeutung und Rolle der Kommunisten in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts beleuchtet; die Gespräche  gehen auch immer wieder auf Widersprüche in dieser Geschichte ein.